FORSCHUNG

Der Aufgabenbereich einer angewandten Forschungseinrichtung zu Plurilingualismus reicht von Sprachpolitik und deren Umsetzung bis hin zu Sprachdokumentation und deren Anwendung

SPRACHPOLITIK

Basis sprachpolitischer Überlegungen und Aktivitäten bezüglich Plurilingualismus kann wohl nur die Universal Declaration of Linguistic Rights sein. Dieses Dokument fasst nicht nur die sprachpolitischen Forderungen diverser Empfehlungen, Deklarationen, Konventionen, Chartas, etc. von UNESCO, Europarat, etc. zusammen, sondern fordert, das Recht von Individuen und Gruppen, die eigenen Sprachen in allen Situationen zu verwenden, als Menschenrecht zu verankern.

Damit in Zusammenhang steht das Recht jeden Kindes auf Einschulung und Alphabetisierung in seiner jeweiligen Sozialisationssprache bzw. „Muttersprache“; bereits 1953 von der UNESCO als Empfehlung formuliert: The Use of Vernacular Languages in Education.

Daraus resultiert u.a. die Forderung nach einem Umdenken in der Bildungspolitik und einem Paradigmenwechsel im Sprachunterricht und folglich auch in der Lehrerausbildung: vom monolingualen „Muttersprach-“ bzw. Fremdsprachlehrer zum plurilingualen Sprachenlehrer.

Basis der möglichen Umsetzung derartiger sprachpolitischer Forderungen ist die Dokumentation sowohl von sozietärem Multilingualismus als auch von individuellem Plurilingualimus.

SPRACHDOKUMENTATION

Dokumentation heißt in diesem Zusammenhang immer Dokumentation linguistischer Vielfalt:

- der Vielfalt an Sprachen,
- der Vielfalt an Varietäten einer Sprache,
- der Vielfalt bzw. Varianz innerhalb von Varietäten.

Inhaltlich reichen diese Dokumentationsaufgaben von der Sammlung und Aufbereitung von Information über linguistische Vielfalt bis hin zur Dokumentation von Sprachen und deren Varietäten in linguistischen Korpora, unter Berücksichtigung varientätenspezifischer interner Varianz. Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Sprachen Österreichs, wobei darunter alle auf österreichischem Staatsgebiet gesprochenen Sprachen verstanden werden:

- sowohl sogenannte autochthone Sprachen,
- als auch sogenannte allochthone Sprachen,
- und insbesondere sogenannte Migrantensprachen.

Die in anwendungsorientierten Sprachdokumentationsprojekten gewonnenen Ergebnisse sind im skizzierten Kontext immer Basis der Umsetzung sprachpolitischer Ziele. Diese werden durch Anwendung und Umsetzung der Ergebnisse in bildungspolitische Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen erreicht. Die Bandbreite an möglichen Anwendungen reicht dabei von Informationsveranstaltungen und zielgruppenadäquaten Ausbildungsmodulen zu sprachlicher Vielfalt bis hin zur Kodifizierung und Didaktisierung von Sprachen auf Basis linguistischer Korpora.

Es ist in diesem Zusammenhang wohl selbstverständlich, soll aber hier speziell betont werden, dass die Auseinandersetzung mit Sprache auf dem skizzierten Hintergrund keinesfalls losgelöst von den jeweiligen Sprechern und deren Lebensumständen gesehen werden kann. Untersuchungsgegenstand ist folglich immer Sprache im soziokulturellen Kontext.

PLURILINGUALISMUS ...

  • ... steht für die Fähigkeit einer Person abhängig von der jeweiligen Situation verschiedene Sprachen zu verwenden, wobei die Kompetenz in den einzelnen Sprachen durchaus differieren kann. Demgegenüber steht Multilingualismus für die Mehrsprachigkeit von Gemeinschaften, deren einzelne Mitglieder nicht nur plurilingual sind, sondern auch monolingual sein können.
  • ... ist sowohl Resultat mehrsprachiger Sozialisation eines Individuums in einer multilingualen Familie oder Gesellschaft als auch das Ergebnis von Sprachenlernen.
  • ... ist für die mehrsprachig sozialisierte Mehrheit der Menschheit selbstverständlich und wird von immer mehr einsprachig sozialisierten Individuen bewusst erworben.
  • ... ist Voraussetzung zur Teilnahme an der globalen Informationsgesellschaft bzw. am wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Leben im „globalen Dorf“.
  • ... steht in komplexem Zusammenhang mit Identität, Kultur und interkultureller Kompetenz, der Fähigkeit von Individuen, sich zwischen Gemeinschaften unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergrunds zu bewegen und zwischen diesen zu vermitteln.
  • ... steht für die individuelle Realität pluraler linguistischer Identität und ist somit Basis für die kollektive Realität linguistischer Vielfalt.
  • ... ist der linguistische Reflex bzw. sprachliche Aspekt von Pluralität, die sich nicht nur in linguistischer, sondern auch in ethno- und soziokultureller Vielfalt manifestiert.
  • ... ist zentraler Aspekt jeder gesellschaftspolitischen Konzeption von Multikulturalität, die der Realität soziokultureller Vielfalt Rechnung trägt,und damit im Gegensatz zur Nationalstaatenideologie steht, die auf der utopischen Annahme uniformer – monolingualer, monokultureller, etc. – Gesellschaften basiert.
  • ... ist unabdingbare Voraussetzung für ein konfliktfreies und respektvolles Miteinander von Individuen und Gemeinschaften mit unterschiedlichem und pluralem soziokulturellen und ethnolinguistischen Hintergrund.
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